Als
die Franzosen überall nach englischen Kolonialwaren forschten und solche
in Rostock massenhaft verbrannt hatten, brachte mein Vater seinen Vorrat
- erpflegte auf dem rostocker Pfingstmarkt seinen Jahresbedarf einzukaufen
- auf dem Kirchboden in Sicherheit, was ich noch deutlich erinnere. Es fand
jedoch bei uns keine Nachsuchung statt. Das mag 1807 oder 08 gewesen sein.
Etwa in dieser Zeit wird wohl auch die Durchhilfe meines Vaters für
einen französischen Soldaten deutschen Stammes fallen, welcher erkrankt
zurückgeblieben war, und zweifellos als fahnenflüchtig angesehen
und erschossen würde, wenn er sich wieder bei den Franzosen einfand.
Vater zeichnete ihn eine Reisekarte für die ersten Meilen, versorgte
ihn mit Zivilkleidern und begleitete ihn bei Nacht eine Strecke Wegs. Gefahrvolles
Unternehmen! Es blieb daher lange ein tiefes Geheimnis. Erst nach Jahren
kamen die Montierungsstücke und Waffen zum Vorschein, die uns Kinder
dann bei Verkleidungen und anderen Spielen treffliche Dienste leisteten.
Von dem Flüchtling hat mein Vater zu seinem Bedauern niemals das Geringste
gehört.
Eine verhältnismäßig ruhige Zeit ging dahin.
Mein Vater schaffte auf ärztlichen Rat für die kranke Mutter ein
Einspännerfuhrwerk an und machte mit demselben fast täglich kleinere
und größere Ausfahrten.
So auch im Mai 1810. (Im Juni kommt v. Thünen nach Tellow) Es war ein
herrliches Wetter, als ich von Zeit zu Zeit ein "Bumm" hörte. Vor der
Scheunentür lagen auf dem Hofe zwei leere Biertonnen und ich meinte
zuerst, ein Windstoß werde wohl das Spundloch treffen, horchte genau hin,
fand mich aber getäuscht, wurde desto aufmerksamer und merkte nun bald,
daß der Ton in Richtung über Dalwitz kam. Als ich dem Vater bei seiner
Heimkehr meine Entdeckung mitteilte, erwiderte er: "Dann wird Stralsund
bombardiert, denn Schill ist dahin entwichen."
Bald erfuhren wir auch die Richtigkeit dieser Vermutung, sowie Schills Tod,
welcher tiefes Bedauern hervorrief. Die Hinrichtung der braven Schillschen
in Wesel steigerte den Franzosenhaß bei den Freunden je stiller, desto mächtiger.
Der Sommer 1811 brachte den wunderschönen Kometen, der alle späteren,
die ich gesehen, sehr weit an Pracht und Dauer übertraf. Und wenn ein
Komet Krieg bedeuten sollte, so durfte dieser solche Meinung rechtfertigen,
denn jetzt sollte Rußland von den siegreichen Franzosen überwältigt
werden, und bevor das Jahr zu Ende ging, sahen wir täglich Franzosen
zum Überdruß unser Dorf passieren, immer in nordöstlicher Richtung
auf Triebsees zu. Belitz galt ihnen als Etappenort, und mein Vater wurde,
da er Französisch verstand, zum Vermittler und Vertrauensmann erwählt,
stellte jedoch zu Bedingung, daß er wegen der kranken Frau mit Einquartierung
verschont wurde, was bereitwillig zugestanden wurde.
Es war ein blutsaurer Posten, den mein Vater übernommen hatte. Mit
einigen französischen Offizieren ließ sich allerdings recht gut fertig
werden; sie waren galant und vernünftig. Dann wurden die Truppen so
auf die Dörfer verteilt, daß keins zu arg mit Einquartierung belastet
war, welche durchschnittlich nur eine Nacht dauerte. Vormittags gegen 11
Uhr rückten sie ein, anderen Morgens vor Tag ging es weiter, und so
Tag für Tag. Den Einzug oft mit schöner Musik, oft nur Trommeln,
habe ich täglich von meinem Observationsposten aus - Lindenlaube -
gesehen, den Abmarsch aber verschlafen bis auf ein Mal, da der Vater zwei
Offiziere, die nicht unterzubringen waren, Nachtlager gewährt hatte.
Diese schmucken Leutnants mußte ich doch abreisen sehen, liebenswürdige
Leute!
Aber ihr Oberst Gobie mit Namen, war desto schlimmer.
Den Tag zuvor war der General des 69. Regimentes mit seinem Stab unser Gast
gewesen und hatte auf der Landkarte einen größeren Kreis bis Vorwerk,
Jördenstorf usw. bezeichnet, damit die nächsten Ortschaften mehr
entlastet würden. Ein braver Mann, dessen Namen ich leider nicht weiß.
Aber am nächsten Tag kam Gobie mit Infanterie, Kavallerie, Artillerie
und verlangte, daß diese ganze Truppenmasse in Belitz selbst untergebracht
werden sollte, also die Unmöglichkeit.
Als mein Vater ihm die Anordnung des Generals vortrug, entgegnete er: "Wenn
der General wollte, daß seinen Befehlen Folge geleistet würde, so hätte
er dieselben schriftlich hinterlassen müssen."
Einwurf: "Ihre Leute werden in den Quartieren nicht einmal liegen können!"
Antwort: "So bleiben sie stehen!" "Die Pferde können nicht unter Dach!"
"So bleiben sie draußen." "Wo sollen wir Speise hernehmen, ihre Leute zu
sättigen?" "Brühkartoffeln und Salz werdet ihr doch haben." "Damit
werden die Soldaten nicht zufrieden sein." "Damit sollen sie zufrieden sein!"
- und sie waren zufrieden. 16 bis 20 Mann hatte jedes haus, je nach Raum.
Natürlich wurde unter Mitwirkung vernünftiger Offiziere sein Befehl
tunlichst eingeschränkt, z.B. noch abends 10 Uhr 40 Pferde mit Mannschaften
nach Rabenhorst geschickt; denn es war scharf kalt.
Bei der Schmiede war links vom Prebbereder Weg Weizen gesät, rechts
lag Dreesch. Natürlich verlangte Inspektor Lehmann, daß die Kanonen
rechts angefahren würden. Gobie aber ließ sie auf dem Weizen fahren,
wodurch derselbe arg beschädigt wurde. Zur Unterbringung der Bagage
forderte er die Öffnung der Kirche, wogegen sich mein Vater entschieden
wehrte und nur zur Öffnung des Turmes sich verstand, nach hartem Wortkampf
auch Sieger blieb.
Es wurden viele Pferde von anderen Ortschaften requiriert, die Mannschaften
mit dem Befehl entsandt: "Bringt mir die Pferde oder die Köpfe davon!"
Beim Abmarsch am anderen Tage ließ er die Kanoniere mit brennender Lunte
neben den Kanonen durchs Dorf gehen, wohl um sich in Respect zu versetzen.
Das war der schlimmste Tag für Belitz. 1320 Mann, dazu die Offiziere
wie immer auf dem Hof der Pfarre eingelagert und eine Menge Pferde.
Recht bös war es auch, daß die Männer als Wegweiser mit den Soldaten
nach den verschiedenen Orten mußten, und also die Frauen stundenlang sehen
sollten, wie mit der Einquartierung von durchschnittlich 8 - 10 Mann fertig
zu werden. Unserer Lindenlaube gegenüber lag der Hirtenkaten, und die
Frau jammerte laut, als 10 Sappeure mit langen Bärten und blitzenden
Beilen im Gürtel über ihre Schwelle traten. Dann hörte ich,
wie ein Krieger in gutem Deutsch zu ihr sagte: "Mütterchen, heule nicht,
wir tun dir kein Leid; wir gehen nach Rußland und wissen, daß keiner von
uns zurückkehrt, heulen aber doch nicht." So fanden sich die Propheten
an der Strasse.
Bald besser, bald schlimmer zog der Januar 1812 durchs Land und brachte
mir am 26. meinen jüngsten Bruder. Als derselbe einige Tage später
sollte getauft werden, kam sein Pate, Dr. Krüger, aus Teterow zu Wagen
ins Dorf, konnte aber nicht durch die Wagenburg der Franzosen dringen, mußte
zu Fuß herein und traf den Vater auf dem Markte, wo er gebückt auf
dem Knie die Quartierzettel ausschrieb.
"Was, Freund, ich meine, es soll Taufe sein, und Sie sind hier in Arbeit?"
"Ja, Doktor, erst müssen diese Leute unter Dach und Fach, hernach die
Taufe." Nun, so geschah es. Weil Glatteis war und Pastor Krause krank, führte
Vater den alten Pastor Hermes (später Kirchenrat) am Arm ins Haus und
dieser vollzog am Bruder Bogislav die heilige Taufe.
Im allgemeinen war über das Betragen der Mannschaften nicht allzusehr
zu klagen. Doch es fehlte nicht an einzelnen Beweisen von Roheit. Auf dem
Hofe hatte man der Einquartierung zusammengekochtes Essen (Kartoffeln, Graupen,
Wurzeln) vorgesetzt. Die Franzosen warfen die Geschirre samt der Speise
zum Fenster hinaus: "Schweinefraß" Ob sie wohl in Rußland sich ihrer Heldentaten
erinnert haben?
Im Schlosse zu Prebberede hatte sich auf längere Zeit ein Oberstleutnant
Richeri nebst Adjutanten Riston und Gefolge einquartiert und lud die Offiziere
ringsumher zu lukullischen Gastmählern ein, wozu ein früherer
herzoglicher Mundkoch aus Teterow geholt wurde, um die Mahlzeiten von 7
Gängen zu bereiten. Reitende Boten benachrichtigten den Grafen in Schwerin
von dem Unfug, und nach manchem eiligen Hin und Her kam von dem dort einquartierten
General der Befehl, Richeri habe sofort Prebberede zu verlassen und in Einlmärschen
östlich zu ziehen. Mit schwerem Fluch auf den belitzer Küster,
der auch in dieser Affäre den Vermittler gemacht, mußte der Prasser
die fette Weide eiligst verlassen. Anders der Herr Graf, welcher alsbald
seinem Inspektor die Weisung zugehen ließ, dem Mann, der ihm so wesentliche
Dienste geleistet, jede tunliche Gefälligkeit zu erweisen. Anfang Februar
waren die Durchzüge ziemlich beendet.
Jetzt kam vom Amt Güstrow eine Kommission, welche die Unterbringung
und Verpflegung der fremden Truppen besorgen sollte, also richtig post festum.
Wenn man jetzt die Leute klagen hört, daß sie niemand in Kost und Logis
nehmen können, da wäre ihnen zu wünschen, daß sie die Zeit
von 1812 kennen lernten. Alle Gedanken, nicht aber die besten Wünsche
folgten jetzt den Franzosen auf ihrer Siegesbahn. Geheuchelt und gelogen
wurde derzeit recht viel, weil das Spionierwesen der Franzosen vortrefflich
organisiert war. Die Zeitungsberichte (Rostocker Anzeiger in kleinem Quart,
Hamburger Kurier 1 Bogen, jede wöchentlich 2 mal), unter französischer
strenger Zensur, gingen darin voran; aber man addierte oder subtrahierte
je nach Bedarf. Die Nachbarn hielten feste Freundschaft, mein Vater hatte
oder machte täglich Besuch. Was aber unter den Männern verhandelt
wurde, erfuhren wir Kinder nicht. Es hieß einfach "Hinaus!".
Mir persönlich wurde die erste Nachricht über das entsetzliche
Unheil der Franzosen durch einen Schulkameraden, Fritz Kracht, der im Gutshause
ernährt wurde, überbracht. Er kam mittags, vor Anfang der Nachmittagsschule,
ins Haus, winkte mit witziger Miene mich in die Schulstube und flüsterte:
"Heinrich, weißt Du was Neues? Moskau brennt. Die Franzosen müssen
fliehen und erfrieren. Dein Vater und der Inspektor sagten es gestern Abend,
als ich hinter dem Ofen saß. Sie meinten, ich schliefe, habe aber alles
gehört." Da faßten sich die beiden 8jährigen Buben jubelnd um
und tanzten vor Freude umher, als ob dadurch die Schulstube profaniert werden
könnte. Von Mitleid keine Spur.
Es war Spätherbst, aber die Mienen der leute zeigten Frühlingslust,
die Schritte wurden leichter und schneller, die Köpfe trugen sich höher,
die Begeisterung stieg mehr und mehr ins Jahr 1813 hinein, viel höher
als noch 1870. Endlich ging's los, und mancher 15jährige Bursche log
sich ein Jahr älter, um nur mitzudürfen, denn unter 16 Jahren
sollte keiner angenommen werden.
So auch ein Bekannter aus Vietschow, ich meine, Schloeff (?). Nachdem er
einige Tagesmärsche über Güstrow hinauswar, bat er seine
Mutter schriftlich um Verzeihung, daß er ohne ihren Willen gegangen, aber
er hätte weder essen noch schlafen können, bis er seinen Wunsch
erreichte.
Mein Bruder Ferdinand, 14 Jahre, und ich, 9 Jahre, gingen eines Tages in
den langen Reihen der väterlichen Baumschule auf und ab und klagten
uns unter bitteren Tränen unsere Not, daß wir nicht mitkonnten. Unbemerkt
hatte unser Vater uns belauscht und vertröstete uns auf die Zukunft,
die auch unserer vielleicht noch bedürfen möchte.
Die Kriegsereignisse blieben uns fern, und von Truppen sahen wir wenig.
Nur einzelne Kosaken zogen durch. Eine Abteilung der hanseatischen Legion
(oder russisch-deutschen Legion?) lag einige Tage im Quartier, wobei auch
eine Trauung in der Kirche stattfand. Die Freunde des Brautpaares arrangierten
auch den Polterabendscherz und erbaten und empfingen etwas zur Herstellung
eines mangelnden Bratens. Nach der Trauung wurde auf dem Markt getanzt.
Einmal lagerten auf dem Markt Gefangene, man sagte Sachsen. Mir gefielen
sie nicht, weil sie keine Gewehre hatten.
Ein sogenannter blinder Lärm brachte im Sommer eines Tages Hunderte
von Männern in Belitz zusammen, alle bewaffnet mit Sensen, Heugabeln,
Dungharken, dazwischen ein Dutzend Jagdgewehre. Es hieß, ein Trupp Franzosen
habe sich durchgeschlichen und marodiere im Rücken der Verbündeten.
Diese sollten eingefangen werden. Daher der Lärm. Merkwürdig,
daß man gerade Belitz zum Mittelpunkt der Bewegung erwählt hatte. Aber
von allen Seiten zog es in hellen Haufen heran. Aus Teterow kam der alte
Stadtmusikus Kaempf, früher preussischer Husar, angesprengt und bot
Hilfe von 150 Mann an, die schon unterwegs ...
Mein Vater, wieder an die Spitze gestellt, lehnte einstweilen dankend die
Hilfe ab, da weder vom Turm, noch von umliegenden Hügeln Verdächtiges
zu erspähen war, auch die ausgesandten reitenden Boten kein anderes
Resultat referierten. Die Kokarde zierte derzeit jedes Mannes Hut. Als mein
Vater nun wahrnahm, daß diese Ehrenzeichen alle verschwunden waren, fragte
er: "Leute, wo habt ihr eure Kokarden?" Antwort: "Je, Herr Müschen,
sei seggen jo, wenn die Franzosen Lühr mit Kokarden drapen, dann geben
sie kein Parduhn." Die Kokarden mußten wieder hervor, aber man merkte doch,
daß eine Kriegsmacht dieser Sorte den Franzosen schwerlich imponiert haben
würde. Zum Glück für unsere Tapferen verlief die Geschichte
im Sande. Wie und woher dieses Gerücht entstanden, hat man niemals
erfahren.
Wir Knaben spielten natürlich immer nur Krieg, aber keiner wollte Franzose
sein, und das war schlimm. Ich wurde zum Hauptmann erwählt und kmmandierte
mit hölzernem Säbel, sah jedoch mit Neid auf Johann Jochen Düwel,
den Tamboir, und auf Christopher Röwer, den Fähnrich, weil ich
alle drei Chargen gerne selbst verwaltet hätte, und das war auch schlimm.
Das letzte, was mich lebhaft an die Fremdherrschaft erinnerte, sah ich 1817
in Hamburg, welche Stadt zu allerletzt frei wurde. Da waren noch hunderte
von Lindenstämmen, die vormals prachtvolle Alleen gebildet hatten.
Da lagen noch die Trümmer vieler demolierter Häuser, in der Steintorvorstadt
alle zerstört, um freien Blick vom Michaelisturm auf die Bewegung der
Gegner zu gewinnen. Da beging ich noch die hölzerne halbmeilenlange
Brücke nach Wilhelmsburg hinüber, welche Davoust für Hamburger
Geld und durch hamburger Zwangsarbeit gebaut hatte, besuchte in Ottensen
noch die Grabstelle 1100 ausgetriebener und im Elend umgekommener Einwohner
Hamburgs. Lauter traurige Denkmäler der jetzt glücklich begrabenen,
bösen Franzosenzeit.
Aber ich sah hier auch das erste in Hamburg einlaufende Dampfschiff, ein
Herold besserer Zeiten und wiedergekehrten Friedens.
Transscribiert von Herrn Pastor Dürr aus Grieve |